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Der Holunderbaum


Es war der 18 Mai, als ich nach vielen Monaten endlich meine Eltern wieder besuchen konnte. Sie wohnten, wie man so sagt, auf dem platten Land, unweit von Osnabrück am Rande eines wunderschönen Ortes, der Mettingen heißt. Endlich durfte ich mich wieder hinter das Lenkrad setzen und wieder mit dem Auto fahren, da ich mir bei einem unglücklichen Sturz während des Fensterputzens ein Bein gebrochen hatte, wonach ich fast ein halbes Jahr im Krankenhaus verbringen musste.
Das Wetter war herrlich und die Sonne schien, als wenn sie all ihre Wärme allein für mich und diesen Tag aufgespart hätte. Vielleicht wusste sie aber auch, wie sehr ich mich auf diesen Tag gefreut hatte und wollte ihn mir noch verschönern. Schon allein bei dem Gedanken, dass mich neben meinen Eltern auch noch meine heiß geliebte Sauerkirschtorte und frischer Kaffeeduft erwartete, wurde mir wehmütig ums Herz. Wenn ich sonst schon oft an meine Kindheit gedacht habe, so war sie in diesen Momenten so nahe, als wenn ich sie greifen könnte.
Dabei war es doch schon so lange her.
Ich sah meinen Vater in meinen Gedanken auf dem Feld arbeiten und meine Mutter mit ihrer weißen Schürze in der Küche. Und wie schon so oft stand sie an dem alten Herd und kochte Schokoladenpudding, für den ich damals mein Leben gegeben hätte. Nur allein der Duft des Puddings bewirkte schon, dass ich mich, als ich gerade laufen konnte, auf dem schnellsten Weg in der Küche einfand, um den Puddingkochtopf auskratzen zu dürfen. Bestimmt habe ich in meinem Leben viele tausend Mal an diese Glücksmomente gedacht. Allein vor dem Schlafengehen waren es sicher schon unendlich Viele.
Während ich so meinen verträumten Gedanken bei der Fahrt zu meinen Eltern nachhing, hörte ich im Autoradio dann auch noch das Lied „Heimatlos“ von Freddy, das genau zu meinen Träumen passte.
Ich glaube 14 Jahre gewesen zu sein, als das Stück auf einer Schallplatte erschien. Eigentlich müssten sie im Radio als nächstes Stück„Rock around the Clock“ von Bill Haley spielen, dachte ich noch, aber man hatte am Sender meinen Wunsch wohl nicht wahrgenommen. Stattdessen hörte ich diesen ordinären Quasselgesang, den ich überhaupt nicht leiden kann. Inzwischen war ich aber auch schon bei meinem Elternhaus angekommen, so dass sich die Musikart der Zuchthausinsassen ohnehin von selbst erledigt hatte.
Alles schien wie immer zu sein, denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es einer der traurigsten Tage meines Lebens werden sollte.
Ich stieg aus und atmete mit geschlossenen Augen den Duft der Kastanienbäume und des Holunderbaumes tief ein, die in voller Blüte standen.
Meine Eltern kamen mir entgegen um mich zu begrüßen und umarmten mich, als wenn sie mich viele Jahre nicht mehr gesehen hätten. Der Kaffee duftete und auf dem Tisch stand wie schon so oft meine heiß geliebte Sauerkirschtorte. Natürlich musste ich ausführlich von meiner Beinoperation und dem Krankenhausaufenthalt berichten. Und so erfuhr ich dann auch, wie bei meinen anderen Besuchen, was in den vergangenen Monaten in meiner früheren Heimat geschehen war.
Genauso hatte ich mir den Tag vorgestellt und ich freute mich auf die Gartenbank unter dem Holunderbaum, auf die ich mich setzen würde, wenn sich meine Eltern ihren Mittagsschlaf gönnen würden. Dann saß ich dort, wo ich als Kind so oft meine Puppen umgezogen hatte. Auf meiner geliebten Bank unter dem Holunderbaum, die mein Vater ganz sicher einige Male abgeschliffen und neu gestrichen hatte. Ich schloss meine Augen, atmete den süßen Duft der Holunderblüten ein, träumte und eigentlich fehlte mir nur eine der Puppen aus meiner Kinderzeit im Arm. Es war so schön, an diesem sonnigen Tag auf der Bank sitzen zu dürfen, auf der ich viel Zeit an den schönsten Tagen meiner Kindheit verbracht hatte.
Und nachdem ich mein lädiertes Bein hochgelegt hatte, döste ich selig dahin. Ich hörte die Spatzen und Meisen, die Drosseln und Buchfinken und aus der Ferne das Muhen der Kühe. Alles war so vertraut und friedlich wie damals vor 50 Jahren, als ich noch ein Kind war. Selbst der sanfte Wind fühlte und hörte sich genauso an, wie zu jener Zeit.
Sanft streichelte er meine Wangen, spielte in meinen Haaren und versuchte wie früher auf den Brettern des alten Hühnerstalles wie auf einem Klavier zu spielen.
Wie sehr habe ich damals dieses hölzerne Glockenspiel geliebt und sogar versucht, mitzusingen.
Doch an diesem Tag klangen die melancholischen Melodien des Windes noch schöner und trauriger als zu meiner Kindheit.
Diesen tiefen Bass in seinen Liedern kannte ich nicht. Anfangs dachte ich noch, dass der Wind die Bretter der Bretterwand des alten Holzschuppens bewegen würde, so dass sie leise knarrten. Doch als ich etwas genauer hinhörte, bemerkte ich, dass es eine ruhige sanfte Stimme war, die unsäglich traurig klang.
Ich hörte meinen Namen, die Stimme rief mich! und es hörte sich fast flehend an.
Alle Trauer dieser Welt schien in ihr zu klingen und vielleicht war es auch nur ein Zufall, dass sich im gleichen Moment die Sonne verdunkelte, da eine einsame Wolke ihren Weg kreuzte. Für nur einen Moment hatte wohl die Trauer ihren seidenen dunklen Schleier über mich, meine Bank und den Holunderbaum ausgebreitet.
Ich saß mit gesenktem Blick wie versteinert auf der Bank, als mir bewusst wurde, dass der Holunderbaum mit mir sprechen würde und wagte nicht, mich zu bewegen. Martha es ist schön, Dich zu sehen! hörte ich leise. Du warst schon lange nicht mehr bei mir und ich habe mir schon sehr große Sorgen um Dich gemacht. Aber wie ich sehe, warst Du krank. Du hast bestimmt ein Problem mit dem Bein gehabt, da Du noch etwas humpelst. Weißt Du, seit Du nicht mehr bei Deinen Eltern wohnst, ist es hier viel einsamer geworden.
Mich besucht selten noch Jemand. Nur deine Mutter setzt sich schon mal auf die schöne Bank. Und wenn ich ganz viel Glück habe, liegt auch schon einmal eine Katze darauf. Und dann auch wohl nur, um die Vögel auf meinen Ästen besser beobachten zu können. Ich war immer so glücklich, wenn Du auf der Bank unter meinen Zweigen gesessen hast und mit den Puppen spieltest. Und weißt Du, wie oft ich mir gewünscht habe, dich in meine Arme zu können, wenn ich Dein fröhliches Lachen gehört habe?
Du hast mich so oft umarmt, wenn Du traurig oder glücklich warst und ich war so stolz darauf, dass Du mit Deinen Sorgen und freudigen Nachrichten zu mir gekommen bist.
Das ist schon so lange her, aber ich muss immer wieder daran denken. Es war die schönste Zeit, in all den 90 Jahren, die ich leben durfte und es wird auch wohl nie wieder eine so glückliche Zeit für mich geben. Sieh, ich fühle mich alt und krank, so dass ich eigentlich schon lang keine rechte Freude mehr am Leben habe.
Meine Äste sind inzwischen so schlecht durchblutet, dass sie schmerzen und von meinem Stamm löst sich hier und da auch schon die Rinde. Und wenn Du meine Blätter anschaust, siehst Du, dass sie weniger geworden sind und schlaff herunter hängen. Ich habe schon hin und her überlegt, woran das liegen mag und ich glaube inzwischen, dass es am Wasser liegt, das ich doch so sehr zum Leben benötige. Irgendwie spüre ich, dass es unsauber und vergiftet ist. Aber wir müssen ja Alle einmal sterben und Alles in Allem hatte ich doch ein schönes Leben, so dass ich mich nicht beklagen sollte. So ist mein größter Wunsch, dass mich Jemand erlöst, bevor meine Schmerzen noch schlimmer werden und ich sie nicht mehr ertragen kann. Kannst Du das verstehen?
Drüben im alten Hühnerstall steht ein großer Behälter mit Säure, den Dein Vater dort hin gebracht hat. Wärest Du so lieb, den Inhalt des Behälters über meine Wurzeln auszuleeren? Bitte!
Dann hörte er auf, zu reden. Wie benommen saß ich da und konnte meine Tränen nicht mehr aufhalten, als meine Eltern aus dem Haus kamen.
„Was ist denn, Martha? hörte ich meine Mutter rufen. „Warum weinst Du?“ Aber ich brachte kein Wort heraus. Mein Vater stand erst stumm daneben und sagte dann: „Hat er Dich auch gefragt?“
Ich nickte stumm, nahm den Holunderbaum lange in den Arm und mein Vater ging wortlos zum alten Hühnerstall, während meine Mutter und ich weinend die Bank zur Seite trugen

Günter Brandt
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